Ich merke, dass ich mich verliere. Wenn es auch sehr anstrengend ist, so ist es vor allem schön. Die Distanz könnte man überwinden. Ziemlich schnell spricht er ziemlich konkret. Er will nur die beste Frau. Nor would he love at lower rate. Like.
Er lässt sich nicht necken und nimmt alles Negative für bare Münze. Schade. Immer wieder berichtige ich Dinge und achte darauf, dass er keinen falschen Eindruck von mir bekommt. Mit ziemlicher Regelmässigkeit halte ich ihn jeden zweiten Tag für einen oberflächlichen, nervigen Typen. Und dann bezaubert mich seine unagressive, geradlinige Art wieder. Und die Stimme. Immer mehr will ich ihn haben. Verschiedenartigkeit ist gut, denn ich will lernen. Zieh mich, ich werde gleich aufholen.
Ich habe Komplexe bezüglich des Aussehens, aber ich bin auch mutig und definitiv keine Zumutung für irgendjemanden. Willst du mich treffen? Wir verabreden uns auf Wolke sieben.
Seine Tochter wird krank und das Treffen fällt aus. Immer öfter muss ich Dinge klarstellen und bekomme dafür immer weniger Raum. Flieht er wirklich gerade vor mir?
Ich halte das aus, bin ja kein Teenie mehr, versuche cool zu bleiben. Bin unkonzentriert im Spiel, bekomme immer öfter Kritik. Gegen Trödelei hilft auch keine gute Ausrüstung. Autsch, das hat gesessen. Kann ja schlecht sagen, dass ich mein Bestes gebe, sonst hält er mich für dumm.
Es taucht eine andere Spielerin auf. Eine Sie und er kennt sie seit zwei Jahren. Sie ist nett, finde ich auch. Plötzlich merke ich, dass er mit ihr flirtet. Die Vernunft sagt mir, dass ich wahrscheinlich gerade sensibel bin, weil ich ihn so gern haben möchte. Ich bleibe nett und freundlich und meine es auch so. Sie wohnt natürlich in Deutschland, 1000km im Norden, aber sie haben sich noch nicht besucht. Warum nicht? Beide sagen mir einzeln, dass es sich halt nicht ergeben hätte. Er sagt "noch" nicht ergeben.
Ich frage ihn nach einem neuen Termin für das Treffen, weil mein Herz so fest schlägt. Es gibt keinen neuen Termin, sagt er beiläufig. Er hätte mir das zu verstehen gegeben. Wann das denn? Er will sie irgendwann besuchen fahren, weil sie ein so lieber Mensch ist und entspannter als ich. Ich würde Druck machen. Wie das denn? Schliesslich kann er meine Gedanken nicht lesen.
Sie ist Kellnerin. Ein Herdentier. Ganz lieb. Scheinbar hübsch und gertenschlank. Eine super Spielerin. Man kann sie nicht nicht mögen. Extrovertiert. Sie ist das Gegenteil von mir, ich bin Intellektudings ohne Daseinsberechtigung, Einzelgänger, Bücherwurm, nicht so hübsch, nicht so schlank, keine gute Spielerin, obwohl es ganz ok läuft, wenn ich konzentriert bin. Sie sind unglaublich vertraut miteinander. Er kritisiert sie nie, aber er macht sich über mich lustig, um sie zu unterhalten. Das einzige, was mich stört, ist, dass sie dann trotzdem lacht.
Ich frage ihn direkt, quod eritque fuitque estque. Es hat nicht gefunkt. Es wird nichts sein. Fieri sentior et excrucior.
Was passiert ist, bleibt mir weiterhin unklar. Bin wohl Apoll geworden. Macht Liebe das Objekt nicht immer zur Daphne?
Und nun? Ich könnte und sollte das Spiel einfach aufgeben. Aber ich will mir das nicht antun. Es ist auch mein Spiel, ich würde die neugefundene Vertrautheit vermissen. Und ich will meinen Selbstrespekt zurück. Und closure. Vielleicht muss ich nun lernen, mit Zurückweisung umzugehen.
Ich habe also beschlossen zu bleiben und mir nichts anmerken zu lassen. Nun höre ich mir jeden Tag im TS an, wie die beiden flirten. The things we do to ourselves...
Ich konzentriere mich wieder auf meine Schüler, die es verdient haben, dass ich mein Bestes in der Stunde gebe. Und manchmal gelingt es mir gut. Ich kann auch führen und selbstbewusst sein und unaggressiv sprechen und andere begeistern. Schon lange.
Bald, sehr bald, werde ich soweit sein, dass ich es den Zweien gönne und mich für sie freue. Noch bin ich nicht ganz da.
Dienstag, 9. April 2013
Waffi
Mein Umzug zurück in die Schweiz ist also vorbei. Ich musste mir helfen lassen und habe tatsächlich Hilfe bekommen. Meine Wohnung ist ein Traum. Nun kann ich mich in meiner Wohnung bewegen, habe verschiedene Räume. Und eine Badewanne!! Als Welcome-Back-Geschenk erhalte ich Badezusätze zu Weihnachten. Best present ever.
Das Geld ist allerdings arg knapp und ich verkaufe mein iPhone und auch sonst ziemlich viele Dinge. Warte, bis das Geld des Käufers auf dem Konto eintrifft, rechne aus, wann wohl mein Konto gesperrt wird. Dann greift mein Plan und ich erhalte Förderung zu Studienzwecken. Gigantische Erleichterung. Kaufe einen iMac, da Hauptarbeitsgerät. Erfahre, dass es seit neustem einen Mac-Client für Herr der Ringe Online gibt. Nach fünf Jahren, endlich.
Installieren, einloggen, ankommen. Das virtuelle Spiel ist mir mehr Heimat als das echte Leben. Es gibt dort Hügel, über die ich zu jeder Tages- und Nachtzeit bei jedem Wetter gerannt bin. Ich weiss, wer wo wohnt und als Köchin und Goldschmiedin kann ich mich nach Lust und Laune in die Community integrieren. Wenn ich will. Ich muss ja gar nichts. Ich laufe solo herum und höre dazu Hörbücher. Ab und zu dringen die Geräusche des Spiels durch das Hörbuch - gackernde Hühner, ein Zwerg, der herumbrüllt, ein Pferd, das vorbeireitet. BeleSNG stellt sicher, dass ich mitkriege, was in der Welt so vor sich geht.
So manch Depp fühlt sich dem Spiel zugetan. Lass die Idiotie mein Prüfstein sein, der meinen Intellekt wetzt und durch geistreiche Kommentare Korrespondenz findet. Pling. Werde angeschrieben. Die Person kann Intertextualität. Und schickt mir die Fortführung meines Gedankens als unterhaltsamen Link. Wir lachen beide ohne einander zu hören. Ich habe Bauchkrämpfe vor Lachen. Soo geil.
Die Person ist ein ER, single, klug, wenig älter als ich und interessiert sich für mich. Plötzlich bin ich wieder neugierig, wenn ich mich an den Computer setze. Nicht mehr suche ich Monotonie und ein abstraktes Gefühl des Vertrauten, nein, plötzlich ist Nervenkitzel da. Wir schreiben uns den ganzen Tag lang, mit langen Pausen. Ich verliere seinen Namen. Umschreibe ihn im BeleSNG und wiederum zeitverzögert meldet er sich. Sweet relief. Am nächsten Tag wieder. Eine Woche Pause, da wir nicht gleichzeitig on sind. Dann wieder. Wir reden im TS, er bricht meinen Widerstand und lädt mich in die Sippe (statt Gruppe!) ein. Von nun an spielen wir regelmässig zusammen. Die Stimme...diese Stimme...erzähl mir irgendwas, I don't care.
Aber ich muss genau zuhören. Ich war lange nicht da, nun bekomme ich erklärt, was ich verpasst habe. Heimlich google ich, um nicht wie ein Doofi dazustehen, nach Werten, Stats, Items, Crits. Alle können das, nur ich nicht. Vorbei ist es mit meiner abendlichen Entspannung in der Badewanne. Kaum ist die Arbeit auf Sparflamme erledigt geht es ab in eine neue Welt, in der ich die Person bin, die es ewig nicht packt. So im Stil von nicht-jeder-kann-alles, du-hast-sicher-andere-talente, Mitleidsgedöns. Ekelhaft.
Hochkonzentriert mit wenig Schlaf, nach einem langen Arbeitstag, gebe ich mein Bestes. Zwischendurch läuft es. Es ist ja nur ein Spiel. Ich bekomme ein Kompliment, von ihm. Motivationsschub. Ich platze fast. Vergesse zu essen, fange an, im Wald zu laufen, lange, intensiv. Er kommt aus Göttingen. Ich bekomme ein Bild von ihm. Whoa...
Das Geld ist allerdings arg knapp und ich verkaufe mein iPhone und auch sonst ziemlich viele Dinge. Warte, bis das Geld des Käufers auf dem Konto eintrifft, rechne aus, wann wohl mein Konto gesperrt wird. Dann greift mein Plan und ich erhalte Förderung zu Studienzwecken. Gigantische Erleichterung. Kaufe einen iMac, da Hauptarbeitsgerät. Erfahre, dass es seit neustem einen Mac-Client für Herr der Ringe Online gibt. Nach fünf Jahren, endlich.
Installieren, einloggen, ankommen. Das virtuelle Spiel ist mir mehr Heimat als das echte Leben. Es gibt dort Hügel, über die ich zu jeder Tages- und Nachtzeit bei jedem Wetter gerannt bin. Ich weiss, wer wo wohnt und als Köchin und Goldschmiedin kann ich mich nach Lust und Laune in die Community integrieren. Wenn ich will. Ich muss ja gar nichts. Ich laufe solo herum und höre dazu Hörbücher. Ab und zu dringen die Geräusche des Spiels durch das Hörbuch - gackernde Hühner, ein Zwerg, der herumbrüllt, ein Pferd, das vorbeireitet. BeleSNG stellt sicher, dass ich mitkriege, was in der Welt so vor sich geht.
So manch Depp fühlt sich dem Spiel zugetan. Lass die Idiotie mein Prüfstein sein, der meinen Intellekt wetzt und durch geistreiche Kommentare Korrespondenz findet. Pling. Werde angeschrieben. Die Person kann Intertextualität. Und schickt mir die Fortführung meines Gedankens als unterhaltsamen Link. Wir lachen beide ohne einander zu hören. Ich habe Bauchkrämpfe vor Lachen. Soo geil.
Die Person ist ein ER, single, klug, wenig älter als ich und interessiert sich für mich. Plötzlich bin ich wieder neugierig, wenn ich mich an den Computer setze. Nicht mehr suche ich Monotonie und ein abstraktes Gefühl des Vertrauten, nein, plötzlich ist Nervenkitzel da. Wir schreiben uns den ganzen Tag lang, mit langen Pausen. Ich verliere seinen Namen. Umschreibe ihn im BeleSNG und wiederum zeitverzögert meldet er sich. Sweet relief. Am nächsten Tag wieder. Eine Woche Pause, da wir nicht gleichzeitig on sind. Dann wieder. Wir reden im TS, er bricht meinen Widerstand und lädt mich in die Sippe (statt Gruppe!) ein. Von nun an spielen wir regelmässig zusammen. Die Stimme...diese Stimme...erzähl mir irgendwas, I don't care.
Aber ich muss genau zuhören. Ich war lange nicht da, nun bekomme ich erklärt, was ich verpasst habe. Heimlich google ich, um nicht wie ein Doofi dazustehen, nach Werten, Stats, Items, Crits. Alle können das, nur ich nicht. Vorbei ist es mit meiner abendlichen Entspannung in der Badewanne. Kaum ist die Arbeit auf Sparflamme erledigt geht es ab in eine neue Welt, in der ich die Person bin, die es ewig nicht packt. So im Stil von nicht-jeder-kann-alles, du-hast-sicher-andere-talente, Mitleidsgedöns. Ekelhaft.
Hochkonzentriert mit wenig Schlaf, nach einem langen Arbeitstag, gebe ich mein Bestes. Zwischendurch läuft es. Es ist ja nur ein Spiel. Ich bekomme ein Kompliment, von ihm. Motivationsschub. Ich platze fast. Vergesse zu essen, fange an, im Wald zu laufen, lange, intensiv. Er kommt aus Göttingen. Ich bekomme ein Bild von ihm. Whoa...
Freitag, 23. November 2012
Schule in NRW 1 - Eltern und Schule 2
Ich finde also eine weitere Elternmitteilung in meinem Fach. Ein Brief. Hiermit würde die Überprüfung der Note beantragt. Lustig. Ich mache ja die Note. Denken die wirklich, ich würde mir das nochmal anschauen und dann sagen "Tut mir leid, ich habe alles falsch gemacht, ihr Sohn hat eine 2, keine 6"? Denken die, ich würde das überhaupt nochmal überprüfen? Hey, Privatleben, wart mal noch ne Runde, ich muss meine Arbeit ein zweites Mal machen, weil es von jemandem gewünscht wurde, der fachlich überhaupt keine Ahnung hat. Der nächste Satz ist auch charmant. Es sei aufgefallen, dass ich gewisse Schüler bevorzugt und den Sohn bewusst schlecht benotet hätte. Spätestens hier erlöscht bei mir jede Auskunftsfreudigkeit. Ich solle bitte unverzüglich anrufen.
Ein Kollege erzählt mir, der Schüler sei schon zu ihm gekommen, habe die Prüfung gezeigt, ob das korrekt bewertet worden sei. Mein Kollege sagt, ja, ist korrekt bewertet worden. Schüler geht zu Mutter: Scheiss Bewertung. Mutter schreibt mir: Scheiss Bewertung.
Ein zweiter Kollege kommt zu Hilfe: Schülerakte. Interessant, die Mutter versucht das wohl jedes Jahr bei verschiedenen Lehrern, mit Vorliebe bei neuen Lehrern. Das passive Verhalten des Sohnes ist über fünf Jahre hinweg dokumentiert. Er hat immer eine Fünf. Lustig, dass sie jetzt bei mir so einen Stress wegen einer Fünf machen.
Da noch mehrere charmante Sätze in ihrem Brief folgen, erfolgt eine Rückmeldung von mir per Mail, da bei Anruf nur Vater und der keine Ahnung von nichts, das sei der Kampf seiner Frau. Ich schreibe also mit dem Tenor: Ich bin mir sicher, die Note ist korrekt, Schüler werden nach Punkten bewertet, also kann er selbst zusammenrechnen, was seine Note ist. Wäre es nicht vielleicht mal eine gute Idee, dass der Schüler mit mir spricht statt der Eltern? Leider beteiligt sich der Sohn nicht am Unterricht, darum ist das wohl nicht überraschend. Und ohne jeder Übertreibung: Ich weiss nicht, wie die Stimme des Sohnes klingt. Ich kenne nur sein verlegenes Schulterzucken.
Mutter macht richtig Stress. Arme Sekretärin. Schulleitung: Ich soll da anrufen. Schulleitung: Sie kennt den Schüler und die Mutter seit der Einschulung am Gymnasium. Ich: Warum unterbinden Sie das denn nicht mal? Schulleitung: Sie würden regen Kontakt zur Mutter pflegen. Ich: Mit welchem Ziel? Warum wurde ich weder vorgewarnt noch davon verschont? Meine bei 200 Schülern pro Schüler knapp begrenzte Zeit möchte ich lieber in die Lernwilligen als in Vollpfosten investieren. Schulleiter, lächelnd wie eine verliebte Frau, meint, ich solle anrufen. Ich weigere mich. Er lächelt wie eine versteinerte Frau. Egal.
Schüler mit Versagenshintergrund bleibt nach der Stunde im Schulzimmer zurück und fragt nach mündlicher Note. Fünf, da Stimme nie gehört. Keine Sechs, da ich neu bin als Geschenk. Er meint aber, er würde sich mehrmals pro Stunde in jeder Stunde beteiligen. Ich schaue, ob der das wirklich ernst meint. Tut er. Ich meine, ich würde davon leider nichts mitbekommen. Er: "Das regeln wir später. Wir werden noch sehen, wie das hier ausgeht." Und da bekomme ich richtig Angst. Der Schüler erzählt, dieses Gespräch hätte vor Schulkameraden stattgefunden. Ok. Ich denke: NOCH ist er nicht auf die Idee gekommen, nach der Stunde zu bleiben, während ich Dinge zusammenräume, aber Vorwürfe ANDERER Art zu erfinden. Dem ist doch jedes Mittel recht und so windfähnchenhaft wie die Schulleitung reagiert? In Zukunft muss ich meinen Kram früher zusammenpacken.
Der Schulleiter bestellt den Schüler zu sich, um ihn anzuhören. Der Schüler fühlt sich durch mich vorverurteilt. Der Schulleiter lässt ihn zusammen mit der Klasse eine Liste mit Vorwürfen erstellen. Resultat: Ich gehe in die Klasse und alle sind unzufrieden. Der Schüler hat eine Freundin und gemeinsam hetzen sie weitere fünf Teilnehmer auf. Nun sind auch die mit Zeugnisnote zwei unzufrieden, dass es keine eins ist, obwohl sonst immer eine drei war. Ich werde zur Schulleitung bestellt, wir gehen die Vorwürfe der Klasse Punkt für Punkt durch. Sogar der Schulleiter sieht, dass die Vorwürfe gar nicht stimmen können, da in sich nicht logisch. Das Resultat des allgemeinen Austauschs von Wahrnehmungen, das man ruhig auch als Vorführen oder Hetze bezeichnen könnte, ist eine unzufriedene Klasse, viel vergeudete Zeit, eine demotivierte Lehrerin und noch etwas. Er erwähnt im gleichen Atemzug die Müllers. Ich soll da anrufen und mich entschuldigen. Ich: Wofür? Habe ich ein Wort gesagt, das nicht korrekt ist? Er: Das sei egal, die Müllers hätten sich geärgert, egal wo der Fehler läge. Er fragt mich, wie es nun weitergeht. Ich kündige. Er fasst es nicht. Ruft täglich an, um sich irgendwas bestätigen zu lassen. Er gönnt mir auch jetzt meinen schulfreien Raum noch nicht. Egal. Was ein catilinarischer Führungsstil!
Ein Kollege erzählt mir, der Schüler sei schon zu ihm gekommen, habe die Prüfung gezeigt, ob das korrekt bewertet worden sei. Mein Kollege sagt, ja, ist korrekt bewertet worden. Schüler geht zu Mutter: Scheiss Bewertung. Mutter schreibt mir: Scheiss Bewertung.
Ein zweiter Kollege kommt zu Hilfe: Schülerakte. Interessant, die Mutter versucht das wohl jedes Jahr bei verschiedenen Lehrern, mit Vorliebe bei neuen Lehrern. Das passive Verhalten des Sohnes ist über fünf Jahre hinweg dokumentiert. Er hat immer eine Fünf. Lustig, dass sie jetzt bei mir so einen Stress wegen einer Fünf machen.
Da noch mehrere charmante Sätze in ihrem Brief folgen, erfolgt eine Rückmeldung von mir per Mail, da bei Anruf nur Vater und der keine Ahnung von nichts, das sei der Kampf seiner Frau. Ich schreibe also mit dem Tenor: Ich bin mir sicher, die Note ist korrekt, Schüler werden nach Punkten bewertet, also kann er selbst zusammenrechnen, was seine Note ist. Wäre es nicht vielleicht mal eine gute Idee, dass der Schüler mit mir spricht statt der Eltern? Leider beteiligt sich der Sohn nicht am Unterricht, darum ist das wohl nicht überraschend. Und ohne jeder Übertreibung: Ich weiss nicht, wie die Stimme des Sohnes klingt. Ich kenne nur sein verlegenes Schulterzucken.
Mutter macht richtig Stress. Arme Sekretärin. Schulleitung: Ich soll da anrufen. Schulleitung: Sie kennt den Schüler und die Mutter seit der Einschulung am Gymnasium. Ich: Warum unterbinden Sie das denn nicht mal? Schulleitung: Sie würden regen Kontakt zur Mutter pflegen. Ich: Mit welchem Ziel? Warum wurde ich weder vorgewarnt noch davon verschont? Meine bei 200 Schülern pro Schüler knapp begrenzte Zeit möchte ich lieber in die Lernwilligen als in Vollpfosten investieren. Schulleiter, lächelnd wie eine verliebte Frau, meint, ich solle anrufen. Ich weigere mich. Er lächelt wie eine versteinerte Frau. Egal.
Schüler mit Versagenshintergrund bleibt nach der Stunde im Schulzimmer zurück und fragt nach mündlicher Note. Fünf, da Stimme nie gehört. Keine Sechs, da ich neu bin als Geschenk. Er meint aber, er würde sich mehrmals pro Stunde in jeder Stunde beteiligen. Ich schaue, ob der das wirklich ernst meint. Tut er. Ich meine, ich würde davon leider nichts mitbekommen. Er: "Das regeln wir später. Wir werden noch sehen, wie das hier ausgeht." Und da bekomme ich richtig Angst. Der Schüler erzählt, dieses Gespräch hätte vor Schulkameraden stattgefunden. Ok. Ich denke: NOCH ist er nicht auf die Idee gekommen, nach der Stunde zu bleiben, während ich Dinge zusammenräume, aber Vorwürfe ANDERER Art zu erfinden. Dem ist doch jedes Mittel recht und so windfähnchenhaft wie die Schulleitung reagiert? In Zukunft muss ich meinen Kram früher zusammenpacken.
Der Schulleiter bestellt den Schüler zu sich, um ihn anzuhören. Der Schüler fühlt sich durch mich vorverurteilt. Der Schulleiter lässt ihn zusammen mit der Klasse eine Liste mit Vorwürfen erstellen. Resultat: Ich gehe in die Klasse und alle sind unzufrieden. Der Schüler hat eine Freundin und gemeinsam hetzen sie weitere fünf Teilnehmer auf. Nun sind auch die mit Zeugnisnote zwei unzufrieden, dass es keine eins ist, obwohl sonst immer eine drei war. Ich werde zur Schulleitung bestellt, wir gehen die Vorwürfe der Klasse Punkt für Punkt durch. Sogar der Schulleiter sieht, dass die Vorwürfe gar nicht stimmen können, da in sich nicht logisch. Das Resultat des allgemeinen Austauschs von Wahrnehmungen, das man ruhig auch als Vorführen oder Hetze bezeichnen könnte, ist eine unzufriedene Klasse, viel vergeudete Zeit, eine demotivierte Lehrerin und noch etwas. Er erwähnt im gleichen Atemzug die Müllers. Ich soll da anrufen und mich entschuldigen. Ich: Wofür? Habe ich ein Wort gesagt, das nicht korrekt ist? Er: Das sei egal, die Müllers hätten sich geärgert, egal wo der Fehler läge. Er fragt mich, wie es nun weitergeht. Ich kündige. Er fasst es nicht. Ruft täglich an, um sich irgendwas bestätigen zu lassen. Er gönnt mir auch jetzt meinen schulfreien Raum noch nicht. Egal. Was ein catilinarischer Führungsstil!
Schule in NRW 1 - Eltern und Schule 1
Integration ist ein wichtiges Stichwort in allen Lebenslagen in Deutschland. Spontan fällt mir zum selben Sachfeld als nächstes Diskriminierung und Hartz IV ein. Diese drei Begriffe werden oft zusammen genannt. Integration heisst, jemandem seine Lücken nachzusehen. Im Schulbetrieb heisst das, Totalausfälle zu verzeihen. Wir integrieren auch Schüler ohne Leistung ins Schulsystem, sonst ist das Diskriminieren.
So kommt es, dass Schüler mit Fünfen und Sechsen in den meisten Fächern weiterkommen. Personen mit Migrationshintergrund darf man nicht mehr "Ausländer" nennen, weil man sofort an "Ausländerfeindlichkeit" erinnert wird, während "Migrationshintergrundsfeindlichkeit" als linguistisches Gebilde einfach in keiner Debatte Platz findet. Bei Personen mit Migrationshintergrund bedeutet es Integration und Toleranz, wenn man ihnen nachsieht, wenn ihre deutschen Sprachkenntnisse einen Lückenhintergrund haben. So kommt es, dass nicht viel dabei rauskommt, wenn Ali und Baran dem Cemal Agusativ erklären. Wehe dem, der dies wertet. Noten sind einfach so wenig integrativ dehnbar und stellen ein Werturteil dar, das eigentlich gar nicht mehr zeitgemäss ist. Wie kann man denn heute noch behaupten, dass ein Kind besser ist als das andere? Auch wenn es sich um ein Schulfach handelt, wer kann es wagen, Kinder zu bewerten? Ich hoffe, die Ironie-Schriftart kommt wirklich bald auf den Markt.
Aber es ist auch schick und cool und in, einander zuzuhören. Als reiner Akt der Toleranz ist dabei egal, was gesagt wird, aber man muss sich alles anhören. So kommt es, dass ich einen Zettel im Fach habe: "Bitte rufen Sie Frau Müller an, sie möchte sich beschweren." Na das weckt ja Lust. Weiter unten die Nachricht: "Herr Müller hat angerufen, wenn er nicht in einem Meeting wäre, wäre er längst hier, um sich zu beschweren. Er sei so aufgebracht, man solle bitte ihn, nicht Frau Müller, anrufen." Ich mache gar nichts. Ich muss mir nicht alles anhören. Die sollen sich bitte beruhigen, warten bis der kleine Pascha zu Hause ist und dann nochmal echt zuhören und herausfinden, ob die eher beliebte Lehrerin ihn wirklich mit körperlicher Gewalt bedroht hat, oder ob er nicht vielleicht doch etwas komplett falsch verstanden hat.
Die Eltern drängen auf ein Gespräch. Wiederholte Mahnungen in meinem Fach, ich möge endlich zurückrufen. Die Schulleitung hat längst und umgehend zurückgerufen und versucht zu schlichten. Trotzdem. Die Eltern wollen mich am Hörer haben. Ist schon mal aufgefallen, dass in den ganzen RTL-Nachmittagssendungen immer ein Weibsbild da ist, das schimpft? Ihre Schimpftiraden sind semantisch komplett sinnfrei: "Wenn...dann kannst du was erleben" oder "Ja sag mal du hassdse wohl nicht mehr alle, was ist das denn jetzt hier?" Weder die Frage- noch die Aussage- oder Ausrufesätze sind als solche zu verstehen. Eher liegt die Bedeutung komplett im Sprechakt an sich. Also hiesse "Ja sag mal du hassdse wohl nicht mehr alle, was ist das denn jetzt hier?" übersetzt: "Du hast dich nicht mit mir abgesprochen und mich überrascht. Ich fühle mich ausgeschlossen und finde darum deine Aktion per se schlecht, aber ich kann leider gerade keine Argumente gegen das finden, was du auf die Beine gestellt hast. Also spreche ich noch eine Weile so laut und nervig, dass der Tonfall dir klarmacht, wie ich mich fühle."
Zurück zur Schule. Die Eltern wollen mich also sprechen. Ich zweifle stark daran, dass sie sachliche Fragen haben. Aber sie lassen ausrichten, dass ihnen nebenbei aufgefallen sei, dass das kleine, sensible Wunderkind solche Schwierigkeiten in der Schule hätte. Vor allem bei mir im Grammatikunterricht. Nachhilfe hätte er längst, er würde es trotzdem nicht verstehen. Das liege vielleicht an mir. Die Schulleitung richtet mir das tatsächlich so aus. Was als Antwort gesagt werden könne? Schüler soll aufgeben. Ist halt auch ein eher dummes Kind. Wenn es ihm zwei Leute erklären und er kann es immer noch nicht, in mehreren Fächern, läuft was schief. Schulleitung baff. Sie müsse darauf jetzt nicht antworten, oder? Das passt nicht in die Harmonisierungskultur. Der Schulleiter spricht wie eine verliebte Frau. Man müsse Wahrnehmungen austauschen, und zwar immer und so oft sich ein Elternteil melden würde. Ok, das kann ja heiter werden, bei 200 Schülern. NRW macht so grosse Klassen und ich darf es ausbaden. Wir haben kaum Geld für Bücher, kaum Leistungsniveau, erst recht kein survival-of-the-cleverest, sondern ein Mitschleifen Aller, aber lauter Wunderkinder und Hochbegabte. Und das bedeutet nichts anderes, als dass Eltern mit mir darüber sprechen müssen, über all die sensiblen Hochbegabten mit ihren Bedürfnissen, und dass sie unmöglich bis zur nächsten Sprechstunde warten können. Ich blocke alles ab. Wie kann man nur Lehrer in NRW werden (wollen)?
So kommt es, dass Schüler mit Fünfen und Sechsen in den meisten Fächern weiterkommen. Personen mit Migrationshintergrund darf man nicht mehr "Ausländer" nennen, weil man sofort an "Ausländerfeindlichkeit" erinnert wird, während "Migrationshintergrundsfeindlichkeit" als linguistisches Gebilde einfach in keiner Debatte Platz findet. Bei Personen mit Migrationshintergrund bedeutet es Integration und Toleranz, wenn man ihnen nachsieht, wenn ihre deutschen Sprachkenntnisse einen Lückenhintergrund haben. So kommt es, dass nicht viel dabei rauskommt, wenn Ali und Baran dem Cemal Agusativ erklären. Wehe dem, der dies wertet. Noten sind einfach so wenig integrativ dehnbar und stellen ein Werturteil dar, das eigentlich gar nicht mehr zeitgemäss ist. Wie kann man denn heute noch behaupten, dass ein Kind besser ist als das andere? Auch wenn es sich um ein Schulfach handelt, wer kann es wagen, Kinder zu bewerten? Ich hoffe, die Ironie-Schriftart kommt wirklich bald auf den Markt.
Aber es ist auch schick und cool und in, einander zuzuhören. Als reiner Akt der Toleranz ist dabei egal, was gesagt wird, aber man muss sich alles anhören. So kommt es, dass ich einen Zettel im Fach habe: "Bitte rufen Sie Frau Müller an, sie möchte sich beschweren." Na das weckt ja Lust. Weiter unten die Nachricht: "Herr Müller hat angerufen, wenn er nicht in einem Meeting wäre, wäre er längst hier, um sich zu beschweren. Er sei so aufgebracht, man solle bitte ihn, nicht Frau Müller, anrufen." Ich mache gar nichts. Ich muss mir nicht alles anhören. Die sollen sich bitte beruhigen, warten bis der kleine Pascha zu Hause ist und dann nochmal echt zuhören und herausfinden, ob die eher beliebte Lehrerin ihn wirklich mit körperlicher Gewalt bedroht hat, oder ob er nicht vielleicht doch etwas komplett falsch verstanden hat.
Die Eltern drängen auf ein Gespräch. Wiederholte Mahnungen in meinem Fach, ich möge endlich zurückrufen. Die Schulleitung hat längst und umgehend zurückgerufen und versucht zu schlichten. Trotzdem. Die Eltern wollen mich am Hörer haben. Ist schon mal aufgefallen, dass in den ganzen RTL-Nachmittagssendungen immer ein Weibsbild da ist, das schimpft? Ihre Schimpftiraden sind semantisch komplett sinnfrei: "Wenn...dann kannst du was erleben" oder "Ja sag mal du hassdse wohl nicht mehr alle, was ist das denn jetzt hier?" Weder die Frage- noch die Aussage- oder Ausrufesätze sind als solche zu verstehen. Eher liegt die Bedeutung komplett im Sprechakt an sich. Also hiesse "Ja sag mal du hassdse wohl nicht mehr alle, was ist das denn jetzt hier?" übersetzt: "Du hast dich nicht mit mir abgesprochen und mich überrascht. Ich fühle mich ausgeschlossen und finde darum deine Aktion per se schlecht, aber ich kann leider gerade keine Argumente gegen das finden, was du auf die Beine gestellt hast. Also spreche ich noch eine Weile so laut und nervig, dass der Tonfall dir klarmacht, wie ich mich fühle."
Zurück zur Schule. Die Eltern wollen mich also sprechen. Ich zweifle stark daran, dass sie sachliche Fragen haben. Aber sie lassen ausrichten, dass ihnen nebenbei aufgefallen sei, dass das kleine, sensible Wunderkind solche Schwierigkeiten in der Schule hätte. Vor allem bei mir im Grammatikunterricht. Nachhilfe hätte er längst, er würde es trotzdem nicht verstehen. Das liege vielleicht an mir. Die Schulleitung richtet mir das tatsächlich so aus. Was als Antwort gesagt werden könne? Schüler soll aufgeben. Ist halt auch ein eher dummes Kind. Wenn es ihm zwei Leute erklären und er kann es immer noch nicht, in mehreren Fächern, läuft was schief. Schulleitung baff. Sie müsse darauf jetzt nicht antworten, oder? Das passt nicht in die Harmonisierungskultur. Der Schulleiter spricht wie eine verliebte Frau. Man müsse Wahrnehmungen austauschen, und zwar immer und so oft sich ein Elternteil melden würde. Ok, das kann ja heiter werden, bei 200 Schülern. NRW macht so grosse Klassen und ich darf es ausbaden. Wir haben kaum Geld für Bücher, kaum Leistungsniveau, erst recht kein survival-of-the-cleverest, sondern ein Mitschleifen Aller, aber lauter Wunderkinder und Hochbegabte. Und das bedeutet nichts anderes, als dass Eltern mit mir darüber sprechen müssen, über all die sensiblen Hochbegabten mit ihren Bedürfnissen, und dass sie unmöglich bis zur nächsten Sprechstunde warten können. Ich blocke alles ab. Wie kann man nur Lehrer in NRW werden (wollen)?
Dienstag, 23. Oktober 2012
Armes, reiches Deutschland, 3
Im Ruhrgebiet kommt man leicht ins Gespräch. Auf der Strasse, beim Einkauf, im Zug. Es ist mir nicht unangenehm. Und die anderen sind nicht genervt, wenn ich frage, weil ich die Lautsprecherdurchsage nicht verstanden habe oder den Weg nicht kenne. Man spricht miteinander. Die Mitarbeiterin, die die Fahrscheine kontrolliert, sagt mir einfach so, wie ich günstiger zu meinem Regionalabo komme. Der Kaffeeverkäuferin ist aufgefallen, dass ich jetzt da bin und einmal die Woche bei ihr einen Becher Kaffee kaufe. Sie fragt mich, ob ich mich in Deutschland gut eingelebt hätte. Na ja, geht, im Dezember gehe ich wieder. Ja, Schweiz sei halt besser, sagt sie.
Auf dem Bahnsteig trinke ich meinen Kaffee. Drei Plätze weiter einer, der aussieht wie ein Obdachloser. Schlechte Zähne, ungepflegtes Äusseres. Endlich Feierabend, sagt er und lacht. Andere gehen jetzt zur Arbeit (danke fürs Erinnern), er geht jetzt nach Hause. Nachtschicht. Wie er das hasst. Ich bin neugierig, was arbeitet der wohl? Er sei Koch. Zu seiner Verteidigung nehme ich jetzt einfach an, dass er gerade zwölf Stunden hinter der Fritteuse stand und darum so aussieht. Aber sei ein guter Job. 1300 Netto. Aber immer diese Wechselschichten. In der Woche wechselnde Wechselschichten. Fiese Alliteration, er muss nämlich sechs Stunden nach der Nachtschicht zur Mittagsschicht antreten. Sieben Tage die Woche kommt öfter vor. Sei Zeit, dass er mal in den Urlaub fährt.
Er ist ein Krösus, er kann in den Urlaub fahren. Kein Privatleben, keine geregelte Arbeitszeit, keine Sicherheit, aber er hat Ground Zero plus 300. Damit gehört er zur Mittelschicht. Hier werden keine Mindestlöhne gezahlt, Ruhezeiten geregelt oder richtige Verträge mit Kündigungsschutz geschlossen. Gehsse malochen, hasse Geld, wirse krank, hasse Pech.
Auf dem Bahnsteig trinke ich meinen Kaffee. Drei Plätze weiter einer, der aussieht wie ein Obdachloser. Schlechte Zähne, ungepflegtes Äusseres. Endlich Feierabend, sagt er und lacht. Andere gehen jetzt zur Arbeit (danke fürs Erinnern), er geht jetzt nach Hause. Nachtschicht. Wie er das hasst. Ich bin neugierig, was arbeitet der wohl? Er sei Koch. Zu seiner Verteidigung nehme ich jetzt einfach an, dass er gerade zwölf Stunden hinter der Fritteuse stand und darum so aussieht. Aber sei ein guter Job. 1300 Netto. Aber immer diese Wechselschichten. In der Woche wechselnde Wechselschichten. Fiese Alliteration, er muss nämlich sechs Stunden nach der Nachtschicht zur Mittagsschicht antreten. Sieben Tage die Woche kommt öfter vor. Sei Zeit, dass er mal in den Urlaub fährt.
Er ist ein Krösus, er kann in den Urlaub fahren. Kein Privatleben, keine geregelte Arbeitszeit, keine Sicherheit, aber er hat Ground Zero plus 300. Damit gehört er zur Mittelschicht. Hier werden keine Mindestlöhne gezahlt, Ruhezeiten geregelt oder richtige Verträge mit Kündigungsschutz geschlossen. Gehsse malochen, hasse Geld, wirse krank, hasse Pech.
Sonntag, 14. Oktober 2012
Armes, reiches Deutschland, 2
Nun bin ich sechs Wochen in Deutschland und halte die Schweiz für ein Paradies. Rational muss ich zwar sagen, die Schweiz fand mich stets förderungsunwürdig, Stipendium, Bafög, Studienkredit, Darlehen, nicht für meinesgleichen. Gute Noten sind egal, ich passe in keine Kategorie. Und fällt man in einem reichen Land durch alle Maschen ist eine Verbitterung wohl nicht weiter verwunderlich.
Und trotzdem. Wie naiv ich war. Die Schweiz, so gut werde ich es nirgendwo sonst haben.
Als Fachkraft wurde ich geholt und das Angebot war so verlockend, dass ich Mut beweisen wollte. Über den Tellerrand hinausschauen. Kein Feigling sein und ewig über die Ungerechtigkeit jammern, dass ausgerechnet ich einen steinigen Weg in der Schweiz gehen muss, Existenzängste und alles. Das Angebot ermöglichte es mir, unabhängig zu sein und meine Ausbildung berufsbegleitend zu absolvieren. Ich wäre dumm gewesen, es nicht anzunehmen, oder?
Ich trete also vor eine Auswahlkommission von fünf Leuten in diversen schulinternen und -externen Funktionen. Bewerbungsgespräch läuft harzig, ich bin von den Fragen überrumpelt. Welchen Auswirkungen sehen Sie durch die parallele Führung der Profile Englisch und Latein ab der fünften Klasse. Ich würde gerne antworten: "Woher soll ich das wissen?" Ich antworte, wie man es wohl erwartet, Sprachstruktur, gute Vorbereitung, Selektionierung, Förderung der guten Schüler. Allgemeines Nicken. Später sagt man mir, dass man "Selektion" und "Selektionierung" seit dem zweiten Weltkrieg besser nicht mehr benutzt. Ich muss warten, während eine andere Kandidatin interviewt wird. Warten ist ein gutes Zeichen. Die Stundenpläne sind längst auf meinen Namen gemacht. Willkommen an Bord, Sie haben sich gegen alle Kandidaten durchgesetzt. Jubel und Freude meinerseits.
Ich wandere aus. Migrationsamt will klare Entscheidungen, in meinem Fall keine Frist gewähren. Aha, wieder mal ich. Gut, migriere ich halt nach Deutschland. Ein Anruf: Wir möchten Ihnen nun die Berufserfahrung ermöglichen. Ja klar, was sonst, das ist ja Sinn eines Arbeitsvertrages. Ach, den ersten Satz hatte ich nicht verstanden. Düsseldorf weigert sich, den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Sie müssen mir leider mitteilen, dass ich fachlich komplett unqualifiziert sei, nach zwölf Jahren Studium und sechs Jahren Berufserfahrung. Die Sachbearbeiterin kennt sich leider mit meinem Abschluss nicht aus und will ihn nicht akzeptieren. Bilaterales Abkommen? Ja, das müsste ich gerichtlich einfordern. Ich bin nun temporär angestellt, aber das ist ja nur temporär, das wird schon.
Ich realisiere, keine Weiterbildung für mich. Ich bin von einer Sachbearbeiterin abhängig, die keine Ahnung hat. Ich begreife, was alle hier wissen: Die Kommission, die mich interviewt hat, ist ein Zirkus ohne Entscheidungsgewalt. Aso, das ist mir neu. Da ich nun temporär angestellt bin, habe ich keinen Anspruch auf Bezahlung in den Ferien. Und natürlich auch nur einen geringen Lohn. Aber man versucht mir entgegenzukommen und als Gefallen dafür zu sorgen, dass auch die Ferien entlöhnt werden, damit ich meine Existenz decken kann. Aso. Ist das nett?
Sechs Wochen später. Noch kein Gehalt. Ich rufe immer wieder mal an. 20 Minuten Warteschleife. Da ich ein Formular namens "Arbeitgeberbezogene Ersatzbescheinigung" nicht eingereicht habe, von dessen Existenz ich nichts wusste, wird ca. die Hälfte meines Lohns nicht ausgezahlt. Steuerklasse 6 statt 1. Kein Anspruch auf Rückvergütung. Das war jetzt einfach Pech. Sechs Wochen für 900 Euro gearbeitet, das Geld wird irgendwann im November ausbezahlt. Wovon ich hier lebe? Ist denen doch egal, ich soll jetzt kein Theater machen und warten wie jeder andere. Gottchen, was regen Sie sich denn auf? Im Oktober kommt eine Abschlachzahlung von 150 Euro, damit kommt man doch eine Weile hin. Hätten Sie mal das Formular beizeiten eingereicht. Ob ich Deutschland eigentlich hasse, dass ich eine solchen Aufstand mache. Aso.
Ich habe 180 Prüfungen zu korrigieren. Nach den Regeln des Landes NRW, die niemand so richtig kennt. Es kann jeder im Nachhinein kommen und einen Fehler finden. Kein Schutz für mich. Gegen Abschreiber wird nichts unternommen. Die Schule wird nie geputzt. In den Sommerferien wurde Asbest gefunden. Ich unterrichte in einem schmutzigen, winzigen Zimmer mit 30 Schülern oder mehr, die kein Geld für ein Lehrbuch haben. Ich kann nicht mehr. Seit der ersten Woche die ganze psychosomatische Palette. Ich lebe von vagen Versprechungen und tiefenpsychologischem Honig.
Wie naiv ich war, einfach anzunehmen, dass ein Einstellungsgespräch zur Einstellung führt und dass Arbeit zur Auszahlung von Gehalt führt.
Mir ist völlig klar, was die Schweizer besser machen. Und so simpel ist es: Sie behandeln die Leute korrekt.
An Weihnachten gehe ich zurück. Und nie, nie mehr weg.
Und trotzdem. Wie naiv ich war. Die Schweiz, so gut werde ich es nirgendwo sonst haben.
Als Fachkraft wurde ich geholt und das Angebot war so verlockend, dass ich Mut beweisen wollte. Über den Tellerrand hinausschauen. Kein Feigling sein und ewig über die Ungerechtigkeit jammern, dass ausgerechnet ich einen steinigen Weg in der Schweiz gehen muss, Existenzängste und alles. Das Angebot ermöglichte es mir, unabhängig zu sein und meine Ausbildung berufsbegleitend zu absolvieren. Ich wäre dumm gewesen, es nicht anzunehmen, oder?
Ich trete also vor eine Auswahlkommission von fünf Leuten in diversen schulinternen und -externen Funktionen. Bewerbungsgespräch läuft harzig, ich bin von den Fragen überrumpelt. Welchen Auswirkungen sehen Sie durch die parallele Führung der Profile Englisch und Latein ab der fünften Klasse. Ich würde gerne antworten: "Woher soll ich das wissen?" Ich antworte, wie man es wohl erwartet, Sprachstruktur, gute Vorbereitung, Selektionierung, Förderung der guten Schüler. Allgemeines Nicken. Später sagt man mir, dass man "Selektion" und "Selektionierung" seit dem zweiten Weltkrieg besser nicht mehr benutzt. Ich muss warten, während eine andere Kandidatin interviewt wird. Warten ist ein gutes Zeichen. Die Stundenpläne sind längst auf meinen Namen gemacht. Willkommen an Bord, Sie haben sich gegen alle Kandidaten durchgesetzt. Jubel und Freude meinerseits.
Ich wandere aus. Migrationsamt will klare Entscheidungen, in meinem Fall keine Frist gewähren. Aha, wieder mal ich. Gut, migriere ich halt nach Deutschland. Ein Anruf: Wir möchten Ihnen nun die Berufserfahrung ermöglichen. Ja klar, was sonst, das ist ja Sinn eines Arbeitsvertrages. Ach, den ersten Satz hatte ich nicht verstanden. Düsseldorf weigert sich, den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Sie müssen mir leider mitteilen, dass ich fachlich komplett unqualifiziert sei, nach zwölf Jahren Studium und sechs Jahren Berufserfahrung. Die Sachbearbeiterin kennt sich leider mit meinem Abschluss nicht aus und will ihn nicht akzeptieren. Bilaterales Abkommen? Ja, das müsste ich gerichtlich einfordern. Ich bin nun temporär angestellt, aber das ist ja nur temporär, das wird schon.
Ich realisiere, keine Weiterbildung für mich. Ich bin von einer Sachbearbeiterin abhängig, die keine Ahnung hat. Ich begreife, was alle hier wissen: Die Kommission, die mich interviewt hat, ist ein Zirkus ohne Entscheidungsgewalt. Aso, das ist mir neu. Da ich nun temporär angestellt bin, habe ich keinen Anspruch auf Bezahlung in den Ferien. Und natürlich auch nur einen geringen Lohn. Aber man versucht mir entgegenzukommen und als Gefallen dafür zu sorgen, dass auch die Ferien entlöhnt werden, damit ich meine Existenz decken kann. Aso. Ist das nett?
Sechs Wochen später. Noch kein Gehalt. Ich rufe immer wieder mal an. 20 Minuten Warteschleife. Da ich ein Formular namens "Arbeitgeberbezogene Ersatzbescheinigung" nicht eingereicht habe, von dessen Existenz ich nichts wusste, wird ca. die Hälfte meines Lohns nicht ausgezahlt. Steuerklasse 6 statt 1. Kein Anspruch auf Rückvergütung. Das war jetzt einfach Pech. Sechs Wochen für 900 Euro gearbeitet, das Geld wird irgendwann im November ausbezahlt. Wovon ich hier lebe? Ist denen doch egal, ich soll jetzt kein Theater machen und warten wie jeder andere. Gottchen, was regen Sie sich denn auf? Im Oktober kommt eine Abschlachzahlung von 150 Euro, damit kommt man doch eine Weile hin. Hätten Sie mal das Formular beizeiten eingereicht. Ob ich Deutschland eigentlich hasse, dass ich eine solchen Aufstand mache. Aso.
Ich habe 180 Prüfungen zu korrigieren. Nach den Regeln des Landes NRW, die niemand so richtig kennt. Es kann jeder im Nachhinein kommen und einen Fehler finden. Kein Schutz für mich. Gegen Abschreiber wird nichts unternommen. Die Schule wird nie geputzt. In den Sommerferien wurde Asbest gefunden. Ich unterrichte in einem schmutzigen, winzigen Zimmer mit 30 Schülern oder mehr, die kein Geld für ein Lehrbuch haben. Ich kann nicht mehr. Seit der ersten Woche die ganze psychosomatische Palette. Ich lebe von vagen Versprechungen und tiefenpsychologischem Honig.
Wie naiv ich war, einfach anzunehmen, dass ein Einstellungsgespräch zur Einstellung führt und dass Arbeit zur Auszahlung von Gehalt führt.
Mir ist völlig klar, was die Schweizer besser machen. Und so simpel ist es: Sie behandeln die Leute korrekt.
An Weihnachten gehe ich zurück. Und nie, nie mehr weg.
Freitag, 12. Oktober 2012
Armes reiches Deutschland, 1
Ist man in Bochum unterwegs weiss man nie, was einen um die nächste Ecke erwartet. Sei es der bunte und laute Einzug der Köche und Kellner bei der Culinaria, verkleidete Menschen, die für das Telefonbuch werben oder Bands und Chöre am Bochumer Musiksommer. Am Dr. Ruer Platz ist es selten langweilig. Egal, was passiert, man ist dabei, wird sofort mitgerissen, ins Geschehen gezogen und kann kaum anders als stehenzubleiben und zu applaudieren. Bochum, eine positive Stadt mit einem ansteckenden Wir-Gefühl. Ich grinse oft total bescheuert. Bochum ist schön. Hier könnte meines Bleibens sein.
Auf der Strasse wird man angesprochen. Das ist Teil des Wir-Gefühls. Und natürlich mache ich kurz ein Foto oder sage, wo es zum Bahnhof geht und tut mir leid, ich weiss nicht, wo die Massenbergstrasse ist, bin selber neu hier. Würde ja gegen das überteuerte neue Schauspielhaus stimmen, bin leider nicht von hier, aber verstehe ihr Anliegen total.
Bodo, das Strassemagaziiiin? Ja ok, einsachzig schaffe ich. Sie sind nur heute da? Ach, falsch verstanden, sie sind heute zum ersten Mal da? Sind Sie der Chefredakteur? Nein? Ach, ich dachte das aufgrund ihrer Kleidung. Jeden morgen bei der Caritas duschen und rasieren, achso. Umsonst, aber schlafen kann man da nicht, da hängen die Alkies, machen Lärm und klauen. Die Trompete, das einzige Besitzstück, kann man da aber einschliessen. Sind Sie obdachlos? Ja, seit ein paar Wochen. Ist ja zum Glück noch nicht so kalt. Nicht? Ich finde es schon ziemlich kalt im Oktober. Sie schlafen draussen??? Abends mit dem letzten Zug ein Stück hinaus, damit man nicht gestört wird und dann ins Gras legen? Wegen der ganzen Alkies. Schock meinerseits. Adretter Herr im karierten Hemd, ich dachte, er wollte mich vielleicht zum Kaffee einladen oder nach dem Weg fragen. Der nächste Kunde, eine Kundin, die von bodo schwärmt. Die Artikel wären so toll geschrieben. Weg ist sie. Sie schlafen wirklich draussen? Ja, das geht noch gut so. Wohnungsbesichtigungen laufen, aber Amt will nicht zahlen. Kann ich ihnen irgendwie helfen? Haben Sie eine Decke? Nein, er kommt klar. Ich wirke wohl ommahaft und er ist keine echte Bestürzung mehr gewohnt. Ich kann mich daran nicht gewöhnen. Verdattert und irritiert verabschiede ich mich und wünsche alles Gute. Ohje, klang das ironisch? War nicht so gemeint.
Und wie lange zieht der das noch durch, nicht zum Alkohol zu greifen und jeden morgen als Vorzeigewohnungssuchender auf seine Körperhygiene zu achten, wenn er nichts, absolut gar nichts davon hat?
Auf der Strasse wird man angesprochen. Das ist Teil des Wir-Gefühls. Und natürlich mache ich kurz ein Foto oder sage, wo es zum Bahnhof geht und tut mir leid, ich weiss nicht, wo die Massenbergstrasse ist, bin selber neu hier. Würde ja gegen das überteuerte neue Schauspielhaus stimmen, bin leider nicht von hier, aber verstehe ihr Anliegen total.
Bodo, das Strassemagaziiiin? Ja ok, einsachzig schaffe ich. Sie sind nur heute da? Ach, falsch verstanden, sie sind heute zum ersten Mal da? Sind Sie der Chefredakteur? Nein? Ach, ich dachte das aufgrund ihrer Kleidung. Jeden morgen bei der Caritas duschen und rasieren, achso. Umsonst, aber schlafen kann man da nicht, da hängen die Alkies, machen Lärm und klauen. Die Trompete, das einzige Besitzstück, kann man da aber einschliessen. Sind Sie obdachlos? Ja, seit ein paar Wochen. Ist ja zum Glück noch nicht so kalt. Nicht? Ich finde es schon ziemlich kalt im Oktober. Sie schlafen draussen??? Abends mit dem letzten Zug ein Stück hinaus, damit man nicht gestört wird und dann ins Gras legen? Wegen der ganzen Alkies. Schock meinerseits. Adretter Herr im karierten Hemd, ich dachte, er wollte mich vielleicht zum Kaffee einladen oder nach dem Weg fragen. Der nächste Kunde, eine Kundin, die von bodo schwärmt. Die Artikel wären so toll geschrieben. Weg ist sie. Sie schlafen wirklich draussen? Ja, das geht noch gut so. Wohnungsbesichtigungen laufen, aber Amt will nicht zahlen. Kann ich ihnen irgendwie helfen? Haben Sie eine Decke? Nein, er kommt klar. Ich wirke wohl ommahaft und er ist keine echte Bestürzung mehr gewohnt. Ich kann mich daran nicht gewöhnen. Verdattert und irritiert verabschiede ich mich und wünsche alles Gute. Ohje, klang das ironisch? War nicht so gemeint.
Und wie lange zieht der das noch durch, nicht zum Alkohol zu greifen und jeden morgen als Vorzeigewohnungssuchender auf seine Körperhygiene zu achten, wenn er nichts, absolut gar nichts davon hat?
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